Meistens komme ich auf diesen Begriff, wenn ich meine Gedanken kreisen lasse zum für mich unverständlichen Thema Nationalstolz. Doch beginne ich hier mal ganz von vorn mit Wikipedia, das über Stolz schreibt:
"Er entspringt der (subjektiven) Gewissheit, etwas Besonderes, Anerkennenswertes oder Zukunftsträchtiges geleistet zu haben oder daran mitzuwirken." [Quelle]
Was genau bedeutet das nun
für das stolz sein?
Im Prinzip ist stolz sein immer bezogen auf eigene Leistung. So kann man also stolz sein ein Sportturnier
gewonnen zu haben (ob allein oder in einer Mannschaft ist dabei gleich) oder stolz darauf sein irgendetwas in
Beruf oder im sozialen Bereich geleistet zu haben. Ob man dabei etwas ganz allein erreicht oder in einer Gemeinsschaft
ist egal, es zählt nur, dass man mitgewirkt hat. Bis dahin ist dieser Begriff vollkommen unproblematisch.
Zu Konflikten bei der Interpretation kommt es meistens dadurch, dass im heutigen Sprachgebrauch das stolz sein ganz
anders verwendet wird.
Da hört man vom Vater, der stolz ist auf seinen Sohn, welcher endlich das Abitur geschafft hat oder von jemandem
der ganz stolz ist darauf, dass Deutschland Exportweltmeister ist oder von jemandem, der stolz auf die vielen
Olympiamedaillen ist, die deutsche Athleten errungen haben. An diesen drei Beispielen kann man gut erkennen wie sich der
Begriff immer weiter entfernt von einer tatsächlichen eigenen Leistung. Könnte man im ersten Beispiel noch sagen,
dass der Vater am Erfolg seines Sohnes durch die Erziehung einen Anteil hat und daher zu Recht stolz ist auf diese nicht direkt eigene Leistung,
so wird das zweite Beispiel schon komplizierter: Der Titel Exportweltmeister ist eine Ansammlung unheimlich vieler
Einzelleistungen, die im Einzelnen nicht mehr zu ermitteln sind. Man müsste nun herausfinden ob derjenige, der einen
solchen Ausspruch macht überhaupt eine dieser Einzelleistungen erbracht hat. Dürfte also jeder Deutsche stolz sein
auf diesen Titel, diese Gesamtleistung oder nur derjenige, der auch wirklich daran teilgenommen hat? Hier zeigt sich schon,
dass es - hinterfragt man es nicht genauer - garnicht mehr so wichtig ist ob eine eigene Leistung vorliegt, als Leistung genügt schon die Identifikation
mit der Gruppe, die diese Leistung erbracht hat.
In seiner abstraktesten Form kommt nun der Stolz zur Geltung wenn Menschen beispielweise stolz sind auf die sportliche Leistung
einer ihnen vollkommen fremden Gruppe mit der man außer der Nationalität (welche zufällig ist) meist nichts
gemein hat. Obwohl diese Verwendung des Begriffs nichts mehr mit einer eigenen Leistung zu tun hat, ist sie klar auf dem Vormarsch.
So liest und hört man immer mal wieder, dass es ja gut ist, dass nun die Deutschen auch mal ein wenig stolz sind auf ihr Land,
denn schließlich ist das in anderen Ländern ja auch Normalität. D.h. aus einer sprachlichen Verfehlung, einer
gänzlichen Umdeutung des stolz seins wird nun der Normalfall. Aber wieso? Arthur Schopenhauer schlägt eine Antwort vor,
die ein wenig Arroganz in sich trägt und daher den wenigsten gefallen dürfte:
"Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen."
Insgesamt natürlich ein großer Vorwurf, der so nicht immer zutrifft. Nicht jeder, der stolz ist
auf eine sportliche Leistung eines deutschen Athleten offenbart dadurch gleich einen Mangel an individuellen Eigenschaften, derer
er stolz sein könnte. Es könnte auch der Fall sein, dass stolz sein heute nicht mehr so sehr mit eigenen Leistungen
verbunden wird. Sich hinzustellen und anderen zu sagen: "Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe." wird heute vielleicht
als Arroganz eingeordnet, welche als Unschick gilt. Und so wird die unrechtmäßige Beanspruchung einer fremden Leistung
zu einer Kompensation für die fehlende Möglichkeit sich selbst aufgrund eigener Errungenschaften darzustellen.
Denn auf fremde Leistungen können alle gleich stolz sein, niemand erhöht sich dadurch über die anderen Gruppenmitglieder,
da alle im selben Stolz gefangen sind. Eine zugegebenermaßen gewagte These.
Doch diese führt zum zweiten Teil des Schopenhauerzitates. Ist nun der einzelne eher unwichtig und wird das stolz sein zur
nationalen Angelegenheit, so führt dies unweigerlich zu einer Gruppendynamik. In der gelten dann Nichtteilnehmer wahlweise
als Miesepeter, Ewiggestrige oder Pessimisten. Doch sieht man den Unsinn dieser Gruppendynamik schon wenn man sie ad absurdum
führen würde. Seien wir doch ruhig mal stolz auf jegliche von einem Deutschen in einer Sportart erbrachte Leistung,
die zu einem Titel führt. Wir kämen garnicht mehr heraus aus dem stolz sein und müssten tagein tagaus hupend durch
die Innenstädte fahren.
Dies spricht meiner Meinung nach dafür, dass diese Art des kollektiven Stolzes auf fremde Leistungen ein Ausdruck des
Unvermögens ist ehrlich mit sich selbst zu sein und selbstbewusst den Stolz auf eine eigene Leistung in die Welt zu tragen.
Derjenige, der immer wieder stolz von seinen Leistungen redet, steht schnell alleine dar, derjenige aber, der sich der neuen
Art des stolz seins anschließt wird freudig in der Gruppe aufgenommen. So bleibt mir als Fazit, dass etwas mehr Stolz auf
eigene Leistung angebracht wäre und dem stolz sein auf Fremdleistungen, die Nation oder sonstige willkürliche Dinge
viel mehr Skepsis entgegengebracht werden sollte als bisher geschehen.
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